Schneeballsystem – der legale Betrug

Ein System, viele Namen

Schneeballsystem, Multi-Level-Marketing, Pyramid-Scheme, Networking Marketing – die Bezeichnungen scheinen endlos, meinen aber alle das gleiche: Ein System, bei dem jeder einsteigen und dann quasi selbstständig Waren oder Dienstleistungen an andere verkaufen kann – und in aller Regel (nur) finanziell davon profitiert, andere anzuwerben.

Das Prinzip ist im Grunde simpel: Nehmen wir einmal an, dass sich Tina für die T-Shirts eines Unternehmens begeistert, dass mit Schneeballsystem arbeitet und ihr anbietet, ihre Leidenschaft direkt zu Geld zu machen. Im Gegensatz zu einem normalen Konzern bedeutet das allerdings in der Regel nicht, dass sie jetzt in der nächstgelegenen Filiale hinterm Tresen stehen oder vielleicht sogar im Hauptsitz am Design feilen darf, sondern, dass sie dem Unternehmen erst einmal einen Stapel T-Shirts abkaufen muss und diesen dann selbst zu Geld machen. Und dabei nicht selten auch einen Teil oder sogar das gesamte Risiko übernehmen darf.

Kann sie die T-Shirts also beispielsweise nicht loswerden, weil Albert und Elfriede von nebenan bereits zwei Monate zuvor fleißig waren und alles im näheren Umkreis mit T-Shirts versorgt haben, was bei drei nicht auf den Baum kam, bleibt sie mit Pech auf dem Kosten (und natürlich der Ware) sitzen. Macht sie dann doch ein paar Verkäufe, aber die neuen Shirt-Besitzer:innen wollen ihr Geld zurück, kann auch das ihrer eigenen Tasche bezahlt werden müssen. Und sind am Ende in den T-Shirts irgendwelche Chemikalien, die vielleicht sogar noch Allergien oder Schlimmeres auslösen, trägt Tina mit sehr viel Pech auch hierfür zum Teil oder sogar komplett alleine die Verantwortung.

Natürlich ist die Gefahr für letzteres bei T-Shirts sehr gering, aber gerade, wenn es um Waren wie Make-Ups, Shakes oder Nahrungsergänzungsmittel geht, die vor allem bei Schneeballsystemen bzw. Multi-Level-Marketing-Unternehmen sehr beliebt sind, sieht das Ganze schon wieder anders aus. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass Tina oder der bzw. die frischgebackene neue Vertriebler:in sich nicht unbedingt immer aussuchen kann, welche Produkte vertrieben werden. Vielleicht steigt man zwar, wie Tina, tatsächlich wegen der Begeisterung über die guten T-Shirts ein, muss dann aber am Ende auch die qualitativ deutlich minderwertigeren Schuhe verkaufen – die man davor natürlich ebenfalls aus eigener Tasche bezahlen muss. Hinzu kommt oft außerdem eine festgeschriebene, meist nicht allzu gering ausfallende Absatzmenge.

Tina hat in ihrer kleinen Wohnung wahrscheinlich nur Platz für ein paar Kartons – und eigentlich für den Start auch nicht Interesse an mehr viel mehr als das, muss jetzt aber laut Vertrag drei ganze Paletten bezahlen und irgendwie bei sich zwischenlagern oder vielleicht sogar extra Lagerfläche anmieten bzw. für die weitere Zwischenlagerung im Unternehmen bezahlen.

Damit jedoch nicht genug, denn sie muss ja schließlich auch irgendwie Kund:innen gewinnen, die ihr die Ware abnehmen – und bei nicht wenigen Schneeballsystemen ist sie auch hierbei völlig sich selbst überlassen. Hat sie Glück und viel Charisma, natürliche Marketing-Skills oder möglicherweise sogar vorher mal eine entsprechende Ausbildung gemacht, mag der weitere Verkauf vielleicht nicht unbedingt zum Problem werden, andernfalls wird sie sich aber sehr wahrscheinlich – ganz im Stil der berühmt-berüchtigten Tupperpartys – erst einmal an Freunde und Verwandte wenden, um ihre Ware irgendwie loszuwerden. Und weil sie sich eben erst einmal an ihr Umfeld wendet bzw. vermutlich Networking ihre Ware oder ggf. auch Dienstleistungen anbieten kann, nennt man das System im Übrigen auch Network Marketing.

Sehr wahrscheinlich wird Tina im Gespräch mit Freund:innen oder Bekannt:innen aber nicht nur versuchen, etwas zu verkaufen, sondern auch, ihre potenziellen Kund:innen ebenfalls für ihren Verkaufsjob zu begeistern. Nicht unbedingt, weil ihr dieser so viel Freude bereitet und sie diese mit anderen teilen möchte, sondern vermutlich in erster Linie, weil die meisten dieser Unternehmen für das Anwerben neuer Vertriebler:innen Prämien und Boni zahlen. Und der Grund hierfür ist simpel: Dem Unternehmen ist es nämlich meist egal, ob es seine Ware an Kund:innen oder Vertriebler:innen loswird – denn sein Geld bekommt es so oder so. Aber während Kund:innen nur kleine, haushaltsübliche Mengen einkaufen, wollen oder müssen die Vertriebler:innen ja nicht selten doch etwas mehr nehmen, was wiederum das Anwerben so attraktiv macht. Und in Falle reiner Betrugsmaschen kommt es darüber hinaus auch nicht selten vor, dass die Unternehmen tatsächlich keinen eigenen Shop haben oder über diesen so wenig verkaufen, dass diejenigen, die ihre Ware eigentlich vertreiben sollen, in Wahrheit ihre größte Kundschaft darstellen.

Aber egal, ob Betrug oder tatsächlich seriös: Nicht selten gibt es dann eben doch ein paar nette Taler für jede Person, die man erfolgreich anwerben konnte und die merkt meist wiederum ebenfalls schnell, wie attraktiv es doch ist, wenn man selbst ein paar mehr Menschen dazu gewinnen kann. Wirbt nun jede einzelne Person immer weitere Leute an, entsteht so ein immer größeres Knäuel – oder, um dem Namen gerechter zu werden, ein immer größerer Schneeball – da immer mehr Menschen ihrerseits noch mehr Menschen anwerben, um damit Geld zu machen.

Es kann übrigens auch vorkommen, dass dieser “Anwerbe-Bonus” nicht direkt vom Unternehmen kommt, sondern quasi von den Neulingen selbst. Nicht unbedingt, weil Vertriebler:in Tina in den Kreis der Betrüger:innen gewechselt ist, sondern weil das Unternehmen eine Art Eintrittsgeld verlangt, dass Tina auf geradem Wege einsammeln und einen Teil davon dafür behalten darf. Auch eine Masche, die bei vielen unseriösen Schneeballsystemen gerne zur Verwendung kommt.

Legal oder Illegal?

Und die ist leider nicht immer leicht zu beantworten. Tatsächlich gibt es durchaus legale Schneeballsysteme, denen man früher beispielsweise unter anderem die Staubsauger- oder Teppichvertreter:innen zu verdanken hatte, die mit ihrer Ware von Haus zu Haus zogen. Allerdings ist die Zahl der Scams und Betrügereien nicht gerade klein. Und selbst, wenn das Unternehmen an sich ehrlich arbeitet, kann es schnell vorkommen, dass der regionale Ableger oder eine Zweigstelle usw. das nicht tun. Eines der vielen Probleme mit dieser Form des Outsourcings. Außerdem fehlen meist klare Anlaufstellen oder die Anwerber:innen haben oft relativ leichtes Spiel, diese einfach zu verschleiern, so dass Betrogene gar nicht so genau wissen, an wen sie sich wenden sollen, selbst, wenn das Unternehmen an sich durchaus seriöser Natur sein sollte.

Hinzu kommen dann noch die Geschichte mit dem Grad der Eigenverantwortung, dem Risiko usw., damit man im Zweifel eben nicht an allem Schuld ist oder zur Rechenschaft gezogen werden kann, wenn die Kundschaft unglücklich ist oder möglicherweise sogar durch das Produkt zu schaden kommt. Den Vertrag vor Unterschrift daher dann doch einmal etwas gründlicher durchzulesen kann somit nie Schaden.

Und ansonsten gilt als Faustregel in etwa: Ist das Ganze seriös, kann Person A mit dem Verkauf von Waren oder Dienstleistungen tatsächlich Geld verdienen und bekommt durchs Anwerben von Personen B oder C ggf. noch einen Bonus.

Handelt es sich um einen Scam, kann Person A (fast) nur Geld verdienen, indem sie Person B anwirbt, die wiederum nur schwarze Zahlen schreiben kann, wenn sie C mit ins Boot holt usw.

Kurz: Wird man nur fürs Anwerben anderer Personen bezahlt oder muss erst Geld einzahlen, um welches zu verdienen, sollte man das Ganze mit Vorsicht genießen. Liest sich das Kleingedruckte nur mit Fragezeichen, gibt es keine oder überwiegend negative Erfahrungswerte von Ehemaligen, klingt alles ein bisschen zu gut oder ist das Bauchgefühl einfach mies, ist Abstand wohl das beste Mittel!

Und vor allem: Kein (gutes) seriöses Unternehmen wird sich gegen Zwischenfragen wehren, bei Kritik von Ehemaligen ausfallend oder persönlich werden oder aber Druck aufbauen, wenn es um die Vertragsunterschrift gilt. Daher: Immer Zeit zum Nachdenken lassen – und ansonsten Finger weg!