Ponzi-Schema

Der frühe Vogel profitiert vom Betrug

Eigentlich sind Investitionen ja eine gute Sache. Richtig angelegt, kann selbst eine kleine Summe ohne große Arbeit nach und nach – oder sogar schlagartig über Nacht – zu einer ansehnlichen Menge Geld heranwachsen. Allerdings kann man dabei natürlich auch einiges falsch machen oder sogar an Betrüger geraten. Eine der hinterlistigsten Maschen ist das Ponzi-Schema.

Wie die meisten Scams sieht auch dieser hier zunächst sehr harmlos oder sogar überaus seriös aus. Was ihn allerdings so gefährlich macht: In den meisten Fällen bekommen gerade die älteren Investor:innen hier tatsächlich ihr Geld oder kleine Gewinne ausgezahlt, weshalb das Ganze meist erst auffliegt, wenn sich der oder die Drahtzieher:innen mit vollen Taschen aus dem Staub gemacht haben.

Aber wie kann das sein? Wieso machen hier manche tatsächlich scheinbar erstmal Profit? Und wie kann es dann überhaupt illegal sein?

Gucken wir uns dafür zunächst einmal an, wie eine “normale” Investition aussehen sollte: Person A investiert in Projekt X und wenn das zu Erfolg führt, bekommt sie am Ende Summe Y. Nehmen wir beispielsweise einmal an, dass Tante Ermentraud ihrem Neffen Tom 20€ für sein Startup gibt. Dieser nutzt die kleine finanzielle Spritze, um endlich das Marketing für den Verkauf seiner T-Shirts und Hosen zu bezahlen und ist schon bald die gesamte Kollektion los. Das Geschäft läuft so gut, dass er mit dem frisch verdienten Geld nicht nur neue Ware produzieren und das weitere Marketing etc. finanzieren, sondern auch seinen Investor:innen etwas zurückgeben kann. Kurzerhand bekommt Tantchen Ermentraud also plötzlich 200€ für die 20€, die sie Tom gerade erst zugesteckt hatte.

Das Geld wird also gezielt eingesetzt, um mehr zu generieren.

Bei einem Ponzi-Schema wird es dagegen nur hin- und hergeschoben: Zahlt Ermentraud hier 20€ ein, steckt es sich der oder die Betrüger:in in der Regel direkt in die Tasche, verspricht aber, es klug für Projekt X oder Y einzusetzen. Kommt jetzt Lisa vorbei und investiert vielleicht sogar 60€, bekommt Ermentraud wahrscheinlich davon auch ein paar Euro, damit sie glaubt, dass sich ihre eigene Investition bereits ausgezahlt habe – und damit Nachzügler:innen wie Lisa annehmen, dass sie ebenfalls bald die ersten Gewinne erwarten könnten. Lisa dagegen bekommt erst etwas, wenn Tom einzahlt und Tom, wenn Gerhard dazukommt usw.

Alte Investor:innen werden also durch das Geld der Neuankömmlinge ausgezahlt oder zumindest bei Laune gehalten, was bedeutet, dass immer mehr Menschen dazu kommen und einzahlen müssen, damit das System irgendwie am Laufen gehalten werden kann, weil das übrige Geld nicht etwa in irgendwelchen klugen Erfindungen oder Entwicklungen landet, sondern den Taschen der Betrüger:innen. Die wiederum wissen oftmals nur zu gut, wie fragil das ganze System ist und machen sich daher entweder sehr früh daran, die ergaunerten Taler “in Sicherheit” zu bringen oder aber sie mit beiden Händen bestmöglich zu verprassen, sodass sie sie nicht mal zurückgeben könnten, wenn sie es wollten – oder geschnappt werden sollten.

Und noch eine kleine Abgrenzung…

Streng genommen zählt das Ponzi-Schema übrigens nicht zu den Schneeballsystemen, denn, zur Erinnerung: Bei einem Schneeballsystem verdient Person A Geld damit, dass sie Person B Waren oder Dienstleistungen verkauft – oder Person B geradewegs anwirbt, selbst Waren oder Dienstleistungen an andere zu vertreiben. Für unser Beispiel würde das bedeuten, dass Ermentraud Tom dafür Geld gibt, dass sie seine T-Shirts verkaufen darf und die Summe (plus Gewinn) dann selbst durch den Verkauf der T-Shirts wieder reinbringen muss. Für gewöhnlich – und hier kommt der Name ins Spiel – bedeutet es aber auch, dass Ermentraud für jede neue T-Shirt-Verkäufer:in einen kleinen Bonus bekommt und sich somit wahrscheinlich bald eher darauf konzentriert, den Lisas und Gerhards dieser Welt zu erzählen, wie schnell sie mit dem T-Shirt-Verkauf reich werden können, statt sich damit abzumühen, allen im Freundes- und Bekanntenkreis das aberhundertste T-Shirt anzudrehen. Und sehr bald machen dann die angeworbenen Gerhards und Lisas vermutlich das Gleiche und verdienen lieber direkt den Bonus, statt vorher teure T-Shirts bei Tom kaufen und dann irgendwie weiter vertreiben zu müssen. Erst einmal angestoßen entsteht so ein immer größeres Knäuel – oder ein immer größerer Schneeball – aus Menschen, die andere für das Unternehmen anwerben, um selbst Geld zu machen und wie beim Ponzi-Schema braucht es so natürlich immer mehr Menschen, damit dauerhaft Geld reinkommt.

Schneeballsysteme können sich allerdings, wenn sie seriös aufgezogen werden, theoretisch auch durch den Verkauf ihrer Waren und Dienstleistungen finanzieren, weshalb der Geldfluss nicht zwangsweise komplett versiegen muss, sobald kein menschlicher Nachschub mehr nachkommt. Außerdem muss hier, wenn es tatsächlich ums Anwerben geht, Person A aktiv Person B mit ins Boot holen, während bei unserem Ponzi-Schema A und B oftmals nicht einmal wissen, dass der oder die jeweils andere überhaupt existieren.

Anders gesagt: Bei einem Schneeballsystem bekommt Person A Geld dafür, dass sie Person B anwirbt und Person B dann dafür, dass sie C anwirbt. Bei einem Ponzi-Schema gibt Person A Geld an den Betrüger und bekommt dann, sobald Person B etwas investiert (mit Glück) einen Teil davon als “Gewinn” zurück.

Übrigens müssen sich Ponzi-Scheme und Schneeballsystem nicht zwangsweise ausschließen, sondern können in sogar Hand in Hand auftauchen, denn was ist besser, als den Opfern nicht nur das Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern sie dann auch noch davon zu überzeugen, Nachschub anzuwerben?

Aber woher nun der Name?

Der stammt vom “Erfinder” Charles Ponzi, alias Carlo Ponzi, einem Italiener, der in den 1920er Jahren sehr viele US-Amerikaner:innen um ihr Geld brachte, indem er ihnen hohe Gewinne versprach, wenn sie nur in sein Geschäftsmodell investieren würden. Angeblich wollte er Antwortscheine, eine Art Portogutschein, in großer Zahl und vor allem sehr billig in Europa einkaufen, ehe er sie gegen das in den USA gegen die dort teureren Briefmarken eintauschen und so durch die Differenz eine Menge Geld machen würde. Und tatsächlich hätte das System, im Übrigen Arbitrage genannt, wohl tatsächlich funktionieren und wahrscheinlich zumindest bescheidene Gewinne einbringen können, wenn Ponzi es denn auch tatsächlich umgesetzt hätte. Stattdessen kaufte er, sehr wahrscheinlich um den Schein zu wahren, zwar ein paar Antwortscheine ein, steckte sich das Geld seiner Investor:innen, aber zum größten Teil in die eigenen Taschen oder zahlte zumindest ein paar der älteren mit dem Geld der neueren aus. Und tatsächlich war er dabei so geschickt, dass er nicht nur sehr bald mehrere Anlaufstellen quer in den USA verteilt einrichten musste, um all das Geld begeisterter, neuer Investor:innen einsammeln zu können, nein, schlimmer noch: viele Menschen steckten ihr gesamtes Vermögen in seinen Scam oder nahmen sogar Kredite auf, weil es ihnen aus dem Freundes-, Bekannten- oder sogar Expertenkreis so geraten wurde.

Sehr wahrscheinlich gab es also zwar derartige Betrügereien schon lange vor Ponzi, aber er machte ihn erst so richtig groß und katapultierte ihn dadurch erst ins öffentliche Bewusstsein.